Holzhausens verlorene 59

Viele langjährige Mitglieder dieser Gruppe[1] und diejenigen, die sich für die Geschichte von Holzhausen interessieren, wissen, dass die Hausnummern des Ortes bis 1938 die alleinige Adressangabe darstellten.
Für alle Anderen eine kurz gefasste Einführung:
1850 entschloss sich Holzhausen seine 150 Häuser neu zu nummerieren, denn offizielle Straßennamen gab es im Ort noch nicht, was auch bis zur zwangsweisen Eingemeindung nach Bad Pyrmont im Jahr 1938 so blieb. Die Adresse eines Holzhäuser Hauses war somit eine eindeutige Hausnummer. Holzhausen hatte damals 150 Wohnhäuser - also gab es 150 Hausnummern, die straßenseitig vergeben wurden. Nach der Zuordnung der 150 Häuser im Jahr 1850 wurde chronologisch nach Erbauung weiter hochgezählt. Die letzte Hausnummer war 1938 die 447.
2020 begannen wir in der Facebook-Gruppe „Alt Bad Pyrmont“, einen Ortsplan mit angedeuteten Straßen/Wegen und Gebäuden von Holzhausen aus dem Jahr 1857 den uns heute bekannten Straßennamen und den Gebäuden/Häusern zuzuordnen. Hilfreich war dabei die Zuordnung "Alte Hausnummer zu heutiger Adresse (Straße und Hausnummer)" nach einer Aufstellung in der "Geschichte und Chronik des Dorfes Holzhausen", die 2002 zweibändig als Holzhäuser Chronik erschien.
Warum machten wir das?
In amtlichen Dokumenten, Presseartikeln, auf Ansichtskarten, in Werbung und Adressbüchern war bis zum 1. April 1938 die Holzhäuser Hausnummer die alleinige Adressangabe. Bei der Beschriftung des Ortsplans fiel jedoch auf, dass die Nummer 59 fehlte.
Zufällig stieß ich vor einigen Wochen auf Zeitungsartikel aus der Dewezet und dem Pyrmonter Wochen- und Kreisblatt vom Januar 1903, die über einen verheerenden Brand in Holzhausen berichteten. Der Brand ereignete sich gegenüber dem Gasthaus Drawe, dessen Hausnummer 11 war. Auch die Großmutter von Horst Luttmann erzählte von dem Brand und erwähnte, dass sie die Fenster ihres Hauses, das die Nummer 60 trug, mit Wasser kühlen musste. So war klar: Das abgebrannte Haus trug die Nummer 59 (siehe Bild des Ortsplans).
Der damalige Bewohner des Hauses Nr. 59, der Viehhändler August Kix, war nicht versichert und zog später in das Haus Nr. 284 (heute Heckengang 1) um.
Jetzt stellte sich die Frage, warum das Wohnhaus 59 nicht mehr aufgebaut wurde?
Die Nummer 59 lag am Platz der Republik in Holzhausen, an dem sich die heutige Schillerstraße in die Abzweigung zur Hagener und Grießemer Straße teilt.
Eine mögliche Antwort auf diese Frage ist der Standort. Dieser eignete sich hervorragend wegen seiner zentralen Lage in Holzhausen als Standort für ein zukünftiges Transformatorenhaus. Pyrmont wurde laut einer alten Homepage der Stadtwerke Bad Pyrmont aus dem Jahr 2006 ab 1907 über das E-Werk am Waisenhof an die Stromversorgung angeschlossen, Holzhausen folgte 1910. Weitsichtige Mitarbeiter der Holzhäuser Verwaltung können bereits 1903 die Zeichen erkannt und das Grundstück für diesen Zweck erworben haben.

So kam es dann auch. Auf dem Grund des abgebrannten Hauses Nr. 59 wurde das Transformatorenhaus von Holzhausen, auch Lichtturm genannt, erbaut und stand dort bis 1949, bis es dem zunehmenden Autoverkehr an dieser Stelle geschuldet in die Hospitalgasse umzog.
Die engen Straßen oder besser Wege, die mit Häusern bebaut waren, konnten den steigenden Verkehr – zunächst mit Pferden und Kutschen, später mit Autos – nicht mehr bewältigen. In den letzten 120 Jahren mussten deshalb mehrere Häuser, darunter die Häuser Kix (=Lichtturm, 59), Klenke (58) und Luttmann (60), verbreiterten Straßen weichen.

Bei unserem Besuch im April 2022 im Museum fiel Dieter Rosenbaum und mir die farbige Variantedes Bildes vom Platz der Republik in die Hände. Ergänzt um weitere Informationen von Fryen Klaus in seinem Artikel über ein „bewegtes Jahrhundert rund um den Platz der Republik“ am 31.12.2021 in den Pyrmonter Nachrichten lege ich das Bild hier mit den noch vorhandenen Restfarben und sanft aufbereitet ab:
(1) Tabakladen von Steinmeyers’ Gustchen
(2) Tegtmeyers’ Heißmangel
Zwischen (1) und (2) Einmündung Hospitalgasse
(3) Natursteinwerk von Schmidts’ Christian
(4) Grillimbiss von Bendel’ Hans und Elfriede, später Filiale der Stadtsparkasse, heute in Bau befindlicher Wohnkomplex
(5) Haus von Klenken’ Eduard
(6) Konsum
(7) Hannibals’ Futtermittelhandel
(8) Friseurladen von Dreyer’ Heinrich (links); zuvor Grossmanns’ und Grunemeiers’ Automobil-, Motorrad-, und Fahrrad-Werkstatt; heute Bärenhöhle von Schnaren’ Carl jun.,
(9) Schlachterei von Schnaren’ Carl sen.
(10) Hagener Straße
Links außerhalb des Bildes bei (10) Einmündung Schwarze Raute
Der Platz der Republik spielte jedoch nicht nur verkehrstechnisch und für die Stromversorgung eine zentrale Rolle. Bereits im 18. Jahrhundert war das Café Sorgenfrei (Haus Nr. 57), das hier stand, eine beliebte Raststätte für Reisende und Ausflügler. Ende der 1920er- und Anfang der 1930er-Jahre kam es hier zudem zu politischen Straßenkämpfen zwischen Anhängern der Roten und der Braunen.
All diese Aspekte machen deutlich, dass weiterführende historische Recherchen zu diesem Platz über die Jahrhunderte hinweg sinnvoll und interessant wären, zumal vieles noch im Dunkeln liegt.
D.R. schrieb 2020 dazu:
Gestern postete Frank Schlutter die Luftaufnahme von Holzhausen. Als Orientierungshilfe nannte ich den Transformatorenturm, auch Lichtturm genannt. Er stand am Knotenpunkt, dem Zentrum Holzhausens, dem Platz der Republik. Er wurde ca. 1950 abgerissen. Auch die Häuser direkt dahinter ( Haus Klenke, Gastwirtschaft Zöllner, Sorgenfrei) mussten dem späteren Sparkassenbau weichen. Rechts vom Turm: das weiße Fachwerk, die Bärenhöhle mit Blick in die Grießemer Straße. Links blicken wir in die Hagener Straße. Das Schild von Gaststätte Sorgenfrei kann man gut erkennen. Ganz links am Rand noch die alte Schusterei Luttmann. Das Fachwerkhaus wurde 1935 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Aber auch dieser musste später dem Ausbau der Hagener Straße weichen. Ganz hinten links sieht man das Tegdtmeyersche Haus. Ein trauriges Kapitel erlebte der Platz der Republik in den 30er Jahren. Auch dort gab es Straßenkämpfe zwischen den Braunen und den Roten. Mein Vater erzählte noch, dass herausgerissene Zaunlatten von Sorgenfrei und Klenke, oft als Schlagstöcke genutzt wurden. Diese Aufnahme müßte aus den 20er Jahren sein. Da ging man auf den Hauptstraßen eben noch spazieren.
Ferner schrieb D.R. im Jahr 2021:
Während der Weimarer Zeit war die Gaststätte Sorgenfrei das Vereinslokal der Sozialdemokraten. So etablierte sich der Ausdruck für den Vorplatz: „Am roten Alex“. Der gesamte Bereich um den Lichtturm herum, auch bekannt als Platz der Republik.
P.L. merkte an:
Am "Roten Alex" befand sich bis vor einigen Jahren eine Gastwirtschaft. Der Wirt Adolf Drawe, auch "Aschinger" genannt, rief seine Angetraute Lydia Drawe immer "Goldelse" aufgrund ihrer goldblonden Hochsteckfrisur.
Link zu Horst Luttmanns Kindheitserinnerungen
- ↑ Alt Bad Pyrmont bei Facebook