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Holzhausens erzwungene Eingemeindung am 01.04.1938

Aus Geschichtliches aus Bad Pyrmont

Ein Stück lokaler Geschichte zwischen Widerstand und Anpassung

Es war ein einschnittiges Datum für die Menschen in Holzhausen: Am 1. April 1938 hörte das Dorf nach Jahrhunderten der Eigenständigkeit auf, eine selbstverwaltete Gemeinde zu sein. Über Nacht wurde es ein Stadtteil von Bad Pyrmont – nicht wegen einer freiwilligen Entscheidung der Bürger, sondern durch einen Verwaltungsakt, der gegen den Willen der überwältigenden Mehrheit durchgesetzt wurde. Hinter diesem Schritt stand vor allem ein Mann: Hans Zuchold, der junge, ehrgeizige Bürgermeister von Bad Pyrmont. Der diplomierte Volkswirt, der 1933 sein Amt angetreten hatte, verfolgte das Projekt der Eingemeindung mit Nachdruck. Sein Gegenüber war Ludwig Nolte, der seit 1928 das Amt des Holzhäuser Bürgermeisters innehatte und genau wusste, dass rund 90 Prozent seiner Gemeindegenossen diesen Schritt ablehnten. Doch in einer Zeit, in der politische Entscheidungen zunehmend von oben verordnet wurden, zählte die Meinung der Betroffenen wenig.

Zucholds Motivation

Die Gründe für Zucholds Hartnäckigkeit waren vielschichtig. Offiziell ging es um Effizienz – größere Verwaltungseinheiten sollten die regionale Entwicklung vorantreiben. Tatsächlich spielten aber auch handfeste Interessen eine Rolle. Holzhausen war finanziell deutlich besser aufgestellt als die verschuldete Kurstadt: Während Pyrmont mit einer Pro-Kopf-Verschuldung von 240 Reichsmark kämpfte, lag dieser Wert in Holzhausen bei nur 40 Reichsmark. Zudem verfügte das Dorf über eine Fläche von über 1.000 Hektar, die Pyrmonts Stadtgebiet fast verdoppelt hätte. Doch der entscheidende Beweggrund war ideologischer Natur. Bei den Wahlen 1933 hatte die NSDAP in Holzhausen lediglich 38 Prozent der Stimmen erhalten – ein klägliches Ergebnis im Vergleich zu den über 52 Prozent in Pyrmont. Für den überzeugten Nationalsozialisten Zuchold war diese „rote Hochburg“ direkt vor den Toren der Stadt ein Dorn im Auge. Eine Eingemeindung würde nicht nur die Steuerkraft stärken, sondern auch die politische Landschaft zugunsten der NSDAP verschieben.

Die Holzhäuser wehren sich

Doch die Holzhäuser wehrten sich. Sie hatten gute Gründe, misstrauisch zu sein. Schon Jahrzehnte zuvor hatte die Pyrmonter Obrigkeit gezeigt, wie wenig sie die Selbstbestimmung des Dorfes respektierte. Als die Holzhäuser 1904 den Zigarrenarbeiter Karl Hilker zum Bürgermeister wählten, verweigerte der Fürst von Waldeck-Pyrmont die Bestätigung – zweimal. Solche Erfahrungen prägten das Verhältnis zwischen den beiden Gemeinden. Während Pyrmont als mondäner Kurort mit adeligen Gästen glänzte, blieb Holzhausen ein von Landwirtschaft und Handwerk geprägtes Arbeitermilieu. Viele Dorfbewohner verdienten ihr Geld als Dienstpersonal oder Fabrikarbeiter in Pyrmont, fühlten sich dort aber oft wie Bürger zweiter Klasse behandelt. Die Angst, nach einer Eingemeindung für Pyrmonts Schulden aufkommen zu müssen und gleichzeitig an den Rand gedrängt zu werden, war allgegenwärtig. Zuchold ging mit harten Bandagen vor. Holzhäuser Handwerker erhielten keine Aufträge mehr in der Stadt, die Sparkasse verweigerte Kredite an Dorfbewohner, und wirtschaftliche Sanktionen sollten den Widerstand brechen. Als auch das nichts half, griff er zu administrativen Mitteln. Mit Unterstützung von Viktor Lutze, dem mächtigen SA-Stabschef und Oberpräsidenten der Provinz Hannover, wurde die Eingemeindung schließlich per Dekret durchgezogen. Die offizielle Bekanntgabe kurz vor Weihnachten 1937 traf die Holzhäuser wie ein Schlag. Als der Beschluss am 1. April 1938 in Kraft trat, reagierten viele mit stillem Protest. Bei der Übergabe der Gemeindeakten „gingen“ wichtige Dokumente verloren, und die von der NS-Propaganda inszenierte „Feier der Vereinigung“ am 23. April boykottierte ein großer Teil der Bevölkerung. Während SA-Musikkapellen spielten und Reden gehalten wurden, blieb die Stimmung gedrückt. „Die Gedanken sind frei“, soll ein Zeitzeuge damals trocken kommentiert haben – ein Satz, der die verhaltene Wut der Holzhäuser auf den Punkt brachte. Doch das Dorf gab seine Identität nicht einfach auf. Gerade das lebendige Vereinswesen wurde zum Rückgrat des lokalen Zusammenhalts. Die Freiwillige Feuerwehr, 1900 gegründet, blieb ein zentraler Treffpunkt. Der Holzhäuser Schützenverein, dessen Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert zurückreichten, pflegte weiterhin seine Traditionen. Und die Gesangvereine, allen voran die Holzhäuser Liedertafel, sorgten dafür, dass das kulturelle Leben nicht erlosch. Selbst die Spar- und Darlehnskasse, die heutige Raiffeisenbank, überstand die Wirren von Inflation und Krieg und blieb ein wichtiger lokaler Akteur.

Holzhausen in der Gegenwart

Heute, fast 90 Jahre später, ist Holzhausen offiziell ein Stadtteil von Bad Pyrmont. Die Straßen tragen andere Namen, und die politische Landkarte hat sich längst verändert. Doch wer genau hinschaut, spürt noch immer den Geist der alten Gemeinde. In den Vereinen, bei lokalen Festen und im Umgang der Menschen miteinander lebt die Erinnerung an die Zeit fort, als Holzhausen noch selbst über sein Schicksal bestimmte. Die Geschichte der erzwungenen Eingemeindung ist damit mehr als eine Fußnote der Regionalgeschichte – sie erzählt von Widerstandsgeist, lokaler Verbundenheit und der Kraft der Gemeinschaft in schwierigen Zeiten. Und sie mahnt daran, dass Selbstbestimmung kein Selbstläufer ist, sondern immer wieder aufs Neue erkämpft werden muss.


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