Zum Inhalt springen

Pyrmont - Total grundlos - oder warum die Weiße Villa "sterben" mußte.

Aus Geschichtliches aus Bad Pyrmont

In der Wochenendausgabe der Pyrmonter Nachrichten vom 8. November 2025 berichtete die Autorin Nona Tiellebier über die Geschichte der Kinderkurheime in Bad Pyrmont und bat die Leser um weitere Hinweise sowie historisches Bildmaterial. In diesem Zusammenhang erinnerte ich mich daran, dass Prof. Dr. Adrian Schücking zeitweise die medizinische Leitung des Pyrmonter Helenenkinderheims innehatte, und stellte der Autorin entsprechendes Material zur Verfügung. Während ich darüber nachdachte, fiel mir die Biographie sowie die Chronik der Pyrmonter Liberalen von Walter Dietrichkeit (†2022) wieder ein, die beim Lesen aufgrund stichhaltiger Recherchen so manchen Aha-Moment vermitteln.

Schücking Villa um 1900 und Cover der Biographie
Familienfoto Schücking um 1910

Schückings Villa wurde im Jahr 1885/86 als „Wohnhaus und Klinik des Herrn Doctor Schücking“ nach seinen Wünschen im Stil der griechisch-italienischen Renaissance errichtet. Ohne Genehmigung erfolgte im Sommer 1886 zudem ein Anbau, was den damaligen Pyrmonter Bürgermeister Ockel dazu veranlasste, Schücking eine Strafe von 15 Mark zugunsten der Ortsarmenkasse anzudrohen, sofern er nicht sofort die Arbeiten am Hause unterbrechen würde. Damals war es polizeilich verboten, Bauten und Reparaturen außerhalb der Häuser im Zeitraum vom 1. Juni bis zum 1. Oktober durchzuführen.

Diese sogenannte ‚Weiße Villa‘ diente Prof. Dr. Adrian Schücking als Sanatorium und wurde nach seinem frühen Tod im Jahr 1914 von seinem Sohn, Dr. Adrian Schücking jun., abgesehen von einer kriegsbedingten Unterbrechung, bis zu dessen Tod im Jahr 1963 weitergeführt. Die Unterbrechung ergab sich nach Kriegsende 1945, als die Amerikaner sofort die Villa beschlagnahmten und dort ihre Kommandatur errichteten. In dieser Zeit wurden viele familiäre Dokumente und Bilder der Familie Schücking von den Amerikanern mutwillig und unwiederbringlich zerstört, wie Frau Dr. Marianne Winterholler, Enkelin von Schücking sen., später berichtete.

1967 kaufte das Staatsbad Niedersachsen den beiden Enkeltöchtern von Prof. Schücking Grundstück und Villa ab. Eine Erhaltung und weitere Nutzung als Sanatorium oder ggf. andersweitige Verwendung war den Hinterbliebenen finanziell zu aufwendig: "Die Villa stehe auf moorartigem Untergrund. Ein Rost aus starken, aber gut erhaltenen Eichenstämmen diene als Fundament; es hätten sich im Bereich der Freitreppe oftmals Setzungsschäden ergeben und das Pappdach konnte bereits zuvor aus statischen Gründen nicht durch ein Ziegeldach ersetzt werden," wie die Enkelin Frau Dr. Winterholler berichtete. Eine Abbruchgenehmigung wurde von der Stadt Bad Pyrmont erteilt, wobei selbst Einsprüche der Avery Architectural Libary Columbia University im fernen New York nichts änderten. Der Stadtdirektor (damals geschäftsführender Verwaltungschef) von Bad Pyrmont, Dr. Karl-Heinz Kühne, fühlte sich in seinem Antwortschreiben nicht zuständig, verstehe zwar, dass eine gewisse Generation die Villa zu den markanten Bauten in Bad Pyrmont zähle, aber man hätte ihm von unterschiedlichen Stellen versichert, dass es sich bei der Villa nicht um ein erhaltenswertes Baudenkmal handele, und verwies auf den Eigentümer, das Land Niedersachsen - Staatsbadverwaltung Pyrmont, an das er das Schreiben weitergeleitet habe.

Dem vorherrschenden Zeitgeist entsprechend wurde ab Ende März 1967 die Weiße Villa abgerissen und bis 1969 ein "modernes Moorbadezentrum" für Bad Pyrmont errichtet. Walter Dietrichkeit merkte mehr als 25 Jahre später in seiner Schücking-Biografie an, dass die Villa ein prächtiges Domizil für die spätere Spielbank Bad Pyrmonts hätte abgeben können.

Soweit in Kurzform die Geschichte um den Bau, die Nutzung und den Abriss der Weißen Villa Schücking. Für weitere Informationen empfehle ich die Schücking-Biographie und für kommunalpolitisch Interessierte die Chronik der Pyrmonter Liberalen von Walter Dietrichkeit, der auf 530 Seiten im DIN-A4-Format die Kommunalpolitik zwischen 1848 und 1992 beschreibt.

Zum letzteren Buch schrieb mein Vater Karl-Heinz Schlutter als damaliger Bürgermeister (= Repräsentant der Stadt) zum Geleit im Januar 1992:
„Diese Chronik der Bad Pyrmonter Liberalen dokumentiert in hervorragender Weise fast 150 Jahre unserer Stadtgeschichte ... Möge dieses Werk künftig vielen Menschen unserer Stadt Leitlinie demokratischen Handelns in unserem Gemeinwesen sein.“

Beide Werke tauchen gelegentlich auf dem Gebrauchtmarkt, auch im Internet, auf. Die Chronik wird ab ca. 50 € und die Biografie ab etwa 15 € gehandelt.

Quellen:

Walter Dietrichkeit: „Prof. Dr. Adrian Schücking - Eine Biografie“ (Freimaurerloge Bad Pyrmont, 1995), „Chronik der Pyrmonter Liberalen“ (Selbstverlag, 1992)
Archive: Digitales Archiv des Museums im Schloss, Dewezet-Archiv.

Wie gewohnt ist dieser Artikel auch im pyrmontwiki.de vorhanden.

Cookies helfen uns bei der Bereitstellung von Geschichtliches aus Bad Pyrmont. Durch die Nutzung von Geschichtliches aus Bad Pyrmont erklärst du dich damit einverstanden, dass wir Cookies speichern.