Holzhausens erzwungene Eingemeindung am 01.04.1938: Unterschied zwischen den Versionen
Aus Geschichtliches aus Bad Pyrmont
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=== Prolog (Vorwort) === | |||
'''Ein Dorf verliert seine Stimme'''<br> | |||
Holzhausen, 1. April 1938: Was für die Stadt Bad Pyrmont ein „Fest der Einheit“ sein sollte, war für die Holzhäuser:innen ein Tag der Niederlage. Ohne ihre Zustimmung, gegen den Willen der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung, wurde das fast tausend Jahre selbstständige Dorf per NS-Erlass in die Stadt eingegliedert. Während Bürgermeister Hans Zuchold (Pyrmont) die Eingemeindung als „Segen für die Zukunft“ pries, kämpfte sein Holzhäuser Amtskollege Ludwig Nolte vergeblich um die Unabhängigkeit des Dorfes. | |||
<big>'''Ein Stück lokaler Geschichte zwischen Widerstand und Anpassung'''</big><br> | <big>'''Ein Stück lokaler Geschichte zwischen Widerstand und Anpassung'''</big><br> | ||
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===Zucholds Motivation=== | ===Zucholds Motivation=== | ||
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Die Gründe für Zucholds Hartnäckigkeit waren vielschichtig. Offiziell ging es um Effizienz – größere Verwaltungseinheiten sollten die regionale Entwicklung vorantreiben. Tatsächlich spielten aber auch handfeste Interessen eine Rolle. Holzhausen war finanziell deutlich besser aufgestellt als die verschuldete Kurstadt: Während Pyrmont mit einer Pro-Kopf-Verschuldung von 240 Reichsmark kämpfte, lag dieser Wert in Holzhausen bei nur 40 Reichsmark. Zudem verfügte das Dorf über eine Fläche von über 1.000 Hektar, die Pyrmonts Stadtgebiet fast verdoppelt hätte. Doch der entscheidende Beweggrund war ideologischer Natur. Bei den Wahlen 1933 und auch bis kurz vor der Eingemeindung 1938 hatte die NSDAP in Holzhausen keine Mehrheit der Stimmen erhalten – ein klägliches Ergebnis im Vergleich zu den Ergebnissen in Pyrmont (siehe Wahlergebnisse in der Dewezet | Die Gründe für Zucholds Hartnäckigkeit waren vielschichtig. Offiziell ging es um Effizienz – größere Verwaltungseinheiten sollten die regionale Entwicklung vorantreiben. Tatsächlich spielten aber auch handfeste Interessen eine Rolle. Holzhausen war finanziell deutlich besser aufgestellt als die verschuldete Kurstadt: Während Pyrmont mit einer Pro-Kopf-Verschuldung von 240 Reichsmark kämpfte, lag dieser Wert in Holzhausen bei nur 40 Reichsmark. Zudem verfügte das Dorf über eine Fläche von über 1.000 Hektar, die Pyrmonts Stadtgebiet fast verdoppelt hätte. Doch der entscheidende Beweggrund war ideologischer Natur. Bei den Wahlen 1933 und auch bis kurz vor der Eingemeindung 1938 hatte die NSDAP in Holzhausen keine Mehrheit der Stimmen erhalten – ein klägliches Ergebnis im Vergleich zu den Ergebnissen in Pyrmont (siehe Wahlergebnisse in der Dewezet vom 06.03.1938, [[:Datei:1938-03-06-dewezet.jpg]] ). Für den überzeugten Nationalsozialisten Zuchold war diese „rote Hochburg“ direkt vor den Toren der Stadt ein Dorn im Auge. Eine Eingemeindung würde nicht nur die Steuerkraft stärken, sondern auch die politische Landschaft zugunsten der NSDAP verschieben. | ||
===Die Holzhäuser | ===Die Holzhäuser wehrten sich=== | ||
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Doch die Holzhäuser wehrten sich. Sie hatten gute Gründe, misstrauisch zu sein. Schon Jahrzehnte zuvor hatte die Pyrmonter Obrigkeit gezeigt, wie wenig sie die Selbstbestimmung des Dorfes respektierte. Als die Holzhäuser 1904 den Zigarrenarbeiter Karl Hilker zum Bürgermeister wählten, verweigerte der Fürst von Waldeck-Pyrmont die Bestätigung – zweimal. Solche Erfahrungen prägten das Verhältnis zwischen den beiden Gemeinden. Während Pyrmont als mondäner Kurort mit adeligen Gästen glänzte, blieb Holzhausen ein von Landwirtschaft und Handwerk geprägtes Arbeitermilieu. Viele Dorfbewohner verdienten ihr Geld als Dienstpersonal oder Fabrikarbeiter in Pyrmont, fühlten sich dort aber oft wie Bürger zweiter Klasse behandelt. Die Angst, nach einer Eingemeindung für Pyrmonts Schulden aufkommen zu müssen und gleichzeitig an den Rand gedrängt zu werden, war allgegenwärtig. | Doch die Holzhäuser wehrten sich. Sie hatten gute Gründe, misstrauisch zu sein. Schon Jahrzehnte zuvor hatte die Pyrmonter Obrigkeit gezeigt, wie wenig sie die Selbstbestimmung des Dorfes respektierte. Als die Holzhäuser 1904 den Zigarrenarbeiter Karl Hilker zum Bürgermeister wählten, verweigerte der Fürst von Waldeck-Pyrmont die Bestätigung – zweimal. Solche Erfahrungen prägten das Verhältnis zwischen den beiden Gemeinden. Während Pyrmont als mondäner Kurort mit adeligen Gästen glänzte, blieb Holzhausen ein von Landwirtschaft und Handwerk geprägtes Arbeitermilieu. Viele Dorfbewohner verdienten ihr Geld als Dienstpersonal oder Fabrikarbeiter in Pyrmont, fühlten sich dort aber oft wie Bürger zweiter Klasse behandelt. Die Angst, nach einer Eingemeindung für Pyrmonts Schulden aufkommen zu müssen und gleichzeitig an den Rand gedrängt zu werden, war allgegenwärtig. | ||
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=== Die "Holzhäuser Resolution" von 1949: der Kompromiss === | === Die "Holzhäuser Resolution" von 1949: der Kompromiss === | ||
Letztlich plädierten alle Beteiligten dafür, die natürlichen und wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Bad Pyrmont und Holzhausen zu stärken, anstatt durch eine Trennung neue Grenzen zu ziehen. Die Kreisverwaltung betonte, dass eine enge Zusammenarbeit in Bereichen wie Schulwesen, Verkehr und Versorgung für beide Seiten vorteilhafter wäre. Statt die Vergangenheit aufzuarbeiten, sollte man gemeinsam nach vorne blicken und eine Lösung finden, die den berechtigten Interessen der Holzhäuser Bürger gerecht werde, ohne die Stadt als Ganzes zu schwächen. Ob dieser Kompromiss gelänge, blieb damals abzuwarten – fest stand jedoch, dass eine Ausgemeindung in | Letztlich plädierten alle Beteiligten dafür, die natürlichen und wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Bad Pyrmont und Holzhausen zu stärken, anstatt durch eine Trennung neue Grenzen zu ziehen. Die Kreisverwaltung betonte, dass eine enge Zusammenarbeit in Bereichen wie Schulwesen, Verkehr und Versorgung für beide Seiten vorteilhafter wäre. Statt die Vergangenheit aufzuarbeiten, sollte man gemeinsam nach vorne blicken und eine Lösung finden, die den berechtigten Interessen der Holzhäuser Bürger gerecht werde, ohne die Stadt als Ganzes zu schwächen. Ob dieser Kompromiss gelänge, blieb damals abzuwarten – fest stand jedoch, dass eine Ausgemeindung in der damaligen Situation weder praktikabel noch wünschenswert erschien. (siehe Protokoll der gemeinsamen Verhandlungen des Hauptausschusses des Kreistages, des Hauptausschusses der Stadtvertretung Bad Pyrmont sowie Vertretern des Ortsteils Holzhausens vom 28.02.1949, [[:Datei:1949-02-28-Protokoll.pdf]]). | ||
Am 31. Dezember 1949 erklärte Stadtdirektor Dr. Wolfgang Hesse den jahrzehntelangen Konflikt um die Eingemeindung Holzhausens für beendet. Den Durchbruch hatte eine Bürgerversammlung am 3. Oktober 1949 | Am 31. Dezember 1949 erklärte Stadtdirektor Dr. Wolfgang Hesse den jahrzehntelangen Konflikt um die Eingemeindung Holzhausens für beendet. Den Durchbruch hatte eine Bürgerversammlung am 3. Oktober 1949 im Otten Saale gebracht. Dort verabschiedete die Mehrheit der anwesenden Holzhäuser Bürger die sogenannte „Holzhäuser Resolution“. Bevollmächtigte von Holzhausen waren damals die Stadtverordneten Großmann, Binder und Couppée. | ||
In einem undatierten handschriftlichen Ratsprotokoll (stattgefunden zwischen dem 04. und 09.10.1949) wurde festgehalten, dass: | In einem undatierten handschriftlichen Ratsprotokoll (stattgefunden zwischen dem 04. und 09.10.1949) wurde festgehalten, dass: | ||
* mindestens 25 Prozent der städtischen Straßenbau-Haushaltsmittel künftig für die Instandsetzung der Holzhäuser Straßen verwendet werden. | * mindestens 25 Prozent der städtischen Straßenbau-Haushaltsmittel künftig für die Instandsetzung der Holzhäuser Straßen verwendet werden. | ||
* Die Forderung, die Turnhalle der Volksschule II (heute Grundschule Holzhausen) sofort nach Fertigstellung des Sportplatzes zu bauen, wurde zurückgestellt, sofern andere dringendere Schulbauten erstellt werden müßten. | * Die Forderung, die Turnhalle der Volksschule II (heute Grundschule Holzhausen) sofort nach Fertigstellung des Sportplatzes zu bauen, wurde zurückgestellt, sofern andere dringendere Schulbauten erstellt werden müßten. | ||
Meine Suche nach der Holzhäuser Resolution blieb in den letzten Jahren leider erfolglos. Anzunehmen ist, dass sie nicht nur die genannten zwei Forderungen enthielt, sondern beispielsweise auch den Bau eines neuen Feuerwehrhauses (fertiggestellt Januar 1950), verbesserte Kanalisation und Straßenbeleuchtung, um nur mögliche | Meine Suche nach der Holzhäuser Resolution blieb in den letzten Jahren leider erfolglos. Anzunehmen ist, dass sie nicht nur die genannten zwei Forderungen enthielt, sondern beispielsweise auch den Bau eines neuen Feuerwehrhauses (fertiggestellt Januar 1950), verbesserte Kanalisation und Straßenbeleuchtung, um nur weitere zwei mögliche Punkte zu nennen. Hinweise auf den Verbleib dieses Schriftstückes nehme ich gerne entgegen ;) | ||
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File:1937-12-21-Entscheidung-Eingliederung.jpg | Entscheidung über Eingliederung Holzhausens im Dezember 1937 | File:1937-12-21-Entscheidung-Eingliederung.jpg | Entscheidung über Eingliederung Holzhausens im Dezember 1937 | ||
File:1938-04-02-dewezet.jpg | Mitteilung über erste Ratsitzung nach Eingemeindung | File:1938-04-02-dewezet.jpg | Mitteilung über erste Ratsitzung nach Eingemeindung | ||
File:1938-04-02a-dewezet.jpg | Mitteilung über Besuchszeiten des Pyrmonter Bürgermeisters in Holzhausen | File:1938-04-02a-dewezet.jpg | Mitteilung über Besuchszeiten des Pyrmonter Bürgermeisters in Holzhausen | ||
File:1949-09-28-Pyrmonter-Nachrichten.jpg | Einladung zur Bürgerversammlung im Oktober 1949 | File:1949-09-28-Pyrmonter-Nachrichten.jpg | Einladung zur Bürgerversammlung im Oktober 1949 | ||
Datei:1949-10-Protokoll-Ratsitzung-Auszug.pdf|Protollauszug Ratsitzung Oktober 1949 | |||
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===Holzhausen in der Gegenwart=== | ===Holzhausen in der Gegenwart=== | ||
Heute, fast 90 Jahre später, ist Holzhausen offiziell ein Stadtteil von Bad Pyrmont. Die alten Straßen tragen andere, vom Holzhäuser Lehrer Erwin Brauss vergebene Namen, und die politische Landkarte hat sich längst verändert. Doch wer genau hinschaut, spürt noch immer den Geist der alten Gemeinde. In den Vereinen, bei lokalen Festen und im Umgang der Menschen miteinander lebt die Erinnerung an die Zeit fort, als Holzhausen noch selbst über sein Schicksal bestimmte. Die Geschichte der erzwungenen Eingemeindung ist damit mehr als eine Fußnote der Regionalgeschichte – sie erzählt von Widerstandsgeist, lokaler Verbundenheit und der Kraft der Gemeinschaft in schwierigen Zeiten. Und sie mahnt daran, dass Selbstbestimmung kein Selbstläufer ist, sondern immer wieder aufs Neue erkämpft werden muss. | Heute, fast 90 Jahre später, ist Holzhausen offiziell ein Stadtteil von Bad Pyrmont. Die alten Straßen tragen andere, vom Holzhäuser Lehrer Erwin Brauss vergebene Namen, und die politische Landkarte hat sich längst verändert. Doch wer genau hinschaut, spürt noch immer den Geist der alten Gemeinde. In den Vereinen, bei lokalen Festen und im Umgang der Menschen miteinander lebt die Erinnerung an die Zeit fort, als Holzhausen noch selbst über sein Schicksal bestimmte. Die Geschichte der erzwungenen Eingemeindung ist damit mehr als eine Fußnote der Regionalgeschichte – sie erzählt von Widerstandsgeist, lokaler Verbundenheit und der Kraft der Gemeinschaft in schwierigen Zeiten. Und sie mahnt daran, dass Selbstbestimmung kein Selbstläufer ist, sondern immer wieder aufs Neue erkämpft werden muss. Somit bestätigt sie einmal mehr Bertolt Brechts Worte: ‚Denn wer nicht kämpft, der hat schon verloren.‘ | ||
=== Epilog (Nachsatz)=== | |||
In der Holzhäuser Chronik steht auf Seite 461: | |||
Zuchold hat (also) praktisch nur bis Juli 1941, bis zur Einberufung zur Wehrmacht, in Pyrmont regiert. .... Im Jahre 1942 fiel auch er (Zuchold) in der eigenen Partei in Ungnade und man legte ihm im September 1942 nahe, seine Versetzung in den Ruhestand zu beantragen. ... Im Juni 1944 entschied der Reichsführer der SS Himmler endgültig, dass eine Übernahme Zucholds weder in als Staats- noch als Kommunalbeamter in Frage komme. .... Er starb am 26.09.1968 in Bad Dürkheim | |||
Ich (Frank Schlutter) schrieb im März 2026 in der Facebook-Gruppe ''Pyrmont Aktuell'': | |||
Hans Zuchold war ein Mann, der zeitlebens keinerlei Anzeichen von Schuldgefühlen zeigte. | |||
1933 wurde er aufgrund seiner Nähe zum Nationalsozialismus in Bad Pyrmont zum Bürgermeister ernannt. 1943 geriet er bei seinen eigenen Parteigenossen in Ungnade und verschwand nach Kriegsende unter falschem Namen. | |||
1954 meldete er sich wieder und erhob gegenüber der Stadt Bad Pyrmont Pensionsansprüche aus seiner Zeit als Bürgermeister. Der Stadtrat lehnte diese seinerzeit einstimmig ab; sowohl das Landesverwaltungsgericht als auch die Berufungsinstanz bestätigten die Entscheidung. Schließlich wies auch das Bundesverwaltungsgericht seine Beschwerde zurück. Zuchold durfte auch die Bezeichnung „Bürgermeister a. D.“ nicht mehr führen. | |||
Doch selbst das ließ ihn nicht zur Ruhe kommen: 1957 wandte er sich in einem Protestbrief an den Bundespräsidenten und an 200 Bundestagsabgeordnete, um gegen diese „Herabsetzung“ vorzugehen, mit der seiner Ansicht nach nun endlich Schluss sein müsse. | |||
===Quellen:=== | |||
* [https://pyrmontwiki.de/images/5/5c/1992-Wilhelm-Hilbert-Holzhausen-Ein_Beitrag-zur-Dorfgeschichte_OCR_1.pdf Wilhelm Hilbert - Holzhausen Ein Beitrag zur Dorfgeschichte (1992)] | |||
* [https://pyrmontwiki.de/images/2/28/1988-Hermann-Trost-Die-Eingemeindung-vor-50-Jahren-cs.pdf Hermann Trost - Die Eingemeindung vor 50 Jahren (1988)] | |||
* Geschichte und Chronik ds Dorfes Holzhausen , Band 1, - Heinrich Rostmann, Manfred Willeke (2002) | |||
* Digitales Archiv der Dewezet | |||
* Digitales Archiv des Museums im Schloss | |||
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<div style="display:none;">Keywords: Hans Zuchold, Ludwig Nolte </div> | |||
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