Schillerstraße 36 - Die Westfalenhalle in Pyrmont
Ortskundige mögen stutzen, eine Westfalenhalle in Pyrmont?! DIE Westfalenhalle ist eigentlich nur aus Dortmund bekannt.





Hinzu kommt die Befürchtung: Wieder so ein Mammutbau: nicht mehr nutzbar, (hoffentlich) ausgeräumt, ohne Zukunft im Kurbezirk, oh weia !!!
Aber weit gefehlt..., die Westfalenhalle im Pyrmont existiert auch heute noch, gut 90 Jahren nach seiner Errichtung, und wird es hoffentlich auch noch lange bleiben.
Für Viele schreibe ich in Rätseln, deshalb schnell zur Geschichte der Pyrmonter Westfalenhalle und wie es dazu kam: Der Vorraum des kleinen Häuschen in der Schillerstraße 36 wurde in den 1930er Jahren als reiner Herrensalon errichtet. Für viele stand der Salon auf Holzhäuser Gebiet, doch geopolitisch gesehen befand es sich auf Pyrmonter Grund. (Holzhausen beginnt in der Schillerstraße erst an den Einmündungen Mühlenstraße und auf der anderen Seite am Oberen Weg).
Erbaut wurde das Häuschen von Friedrich Becker, einen Landwirt im Nebenerwerb, der sich als Fuhrunternehmer/Kutscher mit Kutschfahrten für Pyrmonter Kurgäste ein Zubrot verdiente und auch die Vermietung des Häuschens zum Nebenverdienst nutzen wollte. Lange gab es keinen Wasseranschluss, es wurde der Boiler über dem Waschbecken angezapft und nachgefüllt. Auch eine Toilette fehlte, worauf man sich allerdings einstellen konnte.
Gemietet wurde der Herrensalon von den Frisören v.d.Heide, Neubert, Kleine und Feldmann.
Herr Neubert muss ein geselliger Typ gewesen sein: er plauderte gerne und man plauderte im Salon über die neuesten Tagesereignisse. Im nahen Dorfgasthaus setzte man gerne Informationsaustausch und Diskussionen fort, weshalb Frau Neubert gegen Feierabend regelmäßig erschien, um die Tageseinnahmen vor Schaden zu bewahren.
Herr Feldmann stand vor Dienstschluss und bei ausbleibender Kundschaft vor seinem Salon, begrüßte jeden freundlich, den er kannte und forderte ihn auf:
"Kick mal wedder rin, ol Freund, is tid!"
Auch ich war in jungen Jahren dort Kunde, wenn meine Eltern meinte, es müßte mal wieder Facon in meine Haare gebracht werden. Ich erinnerte mich in der letzten Woche, bei meinem Barbierbesuch daran, als der Haarschneider mein linkes Ohr berührte. Vor knapp 60 Jahren hatte Herr Feldmann sich ein diesem Ohr verschnitten, es blutete wie S*, tat aber nicht weh. 1981 übernahm Frau Hinz den Salon, ließ Trennwände einreißen, eine Toilette einbauen und den Kundenraum erweitern und machten aus dem Salon einen Männer- und Frauensalon.
So, warum Westfalenhalle? Ein Berliner Gast, der zufälligerweise zu Herrn Neuberts Zeiten den Salon betrat und die heftig diskutierende Männerrunde sah und gesagt haben soll:
"Wat denn, wat denn, ick fühle mich hier wie in der Westfalenhalle, bei dem Spektakel!"
Somit hatte das Häuschen seinen Namen weg.
Quelle: Lebensberichte Klaus Dorn (2000) Bildquelle: ebenfalls und Sammlung Frank Schlutter