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Datei:100-Jahre-Spelunkenturm.pdf

Aus Geschichtliches aus Bad Pyrmont

100-Jahre-Spelunkenturm.pdf (Dateigröße: 33,48 MB, MIME-Typ: application/pdf)

Die Pyrmonter Gesellschaft >Spelunke< und ihre ehrenwerten Halunken

Extrakt aus dem Festvortrag 100 Jahre Spelunkenturm, Titus Malms, 1996

Die Spelunke – eine ungewöhnliche Gesellschaft in Pyrmont

Wer heute zum Spelunkenturm auf dem Bomberg wandert, begegnet einem Namen, der zunächst etwas rätselhaft wirkt. Eine „Spelunke“ verbindet man eher mit einer einfachen, vielleicht sogar etwas zweifelhaften Gaststätte als mit einem Aussichtsturm. In Pyrmont hatte der Begriff jedoch eine ganz andere Bedeutung. Er war der Name einer Gesellschaft, die sich 1872 zusammenfand und deren Mitglieder sich selbst mit einer gehörigen Portion Selbstironie als „Halunken“ bezeichneten.

Die Gesellschaft entstand als Frühstücksgesellschaft. Zu ihren Mitgliedern gehörten Schauspieler, Künstler, Kurgäste und Pyrmonter Honoratioren. Im Laufe der Jahre schlossen sich ihr zahlreiche Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben an. Unter ihnen befanden sich Ärzte, Juristen, Beamte und Bürgermeister, aber auch bekannte Schauspieler. Eine wichtige Rolle spielte Theodor Francke, der später als Präsident der Gesellschaft hervortrat.

Der ungewöhnliche Name „Spelunke“ war dabei durchaus Absicht. Die Mitglieder gaben sich damit einen Namen, der nicht recht zu einer angesehenen Gesellschaft passen wollte. Gerade darin lag vermutlich ein Teil des Vergnügens. Man traf sich in geselliger Runde, pflegte seine Rituale und nahm sich selbst nicht allzu ernst.

Aufnahme mit Fallgatter und Goldstück

Wer Mitglied werden wollte, musste sich auf einiges gefasst machen. Die Aufnahme war kein nüchterner Verwaltungsakt, sondern gehörte selbst zum gesellschaftlichen Schauspiel. Der Bewerber hatte zunächst zu versichern, „in freundlicher Absicht“ zu kommen. Anschließend wurde das Fallgatter geöffnet und der neue „Halunke“ in die Gesellschaft aufgenommen.

Auch die anschließende Zeremonie war entsprechend gestaltet. Zu den Aufnahmebräuchen gehörten ein Eid, verschiedene Versprechungen und eine auf den Kandidaten gerichtete Reiterpistole. Am Ende stand die Zahlung eines Goldstücks, mit der die lebenslange Mitgliedschaft besiegelt wurde.

Auch die Damen kamen bei den Veranstaltungen nicht zu kurz. An den sogenannten „Damentagen“ gehörte unter anderem der Weihekuss des Präsidenten zum Programm.

Zwischen Frühstück, Scherzen und Festen

Das gesellschaftliche Leben der Spelunke spielte sich zunächst im Keller der Weinhandlung Meyer ab, später in Räumen an der Brunnenstraße. Die Mitglieder trafen sich regelmäßig zwischen zwölf und zwei Uhr. Gegessen und getrunken wurde dabei ebenso wie gescherzt und gedichtet.

Überliefert sind zahlreiche Namen von Speisen, die schon durch ihre Bezeichnung erkennen lassen, dass die Mitglieder einen besonderen Sinn für Humor hatten. Auf den Speisezetteln fanden sich beispielsweise „Dumpernickel“, Ochsenmaulsalat, Gänseleberpastete und die eigentümlich klingenden „Herero-Speere“.

Auch die Programme der Spelunkenfeste geben einen Eindruck davon, wie die Gesellschaft ihre Veranstaltungen gestaltete. Die Titel einzelner Programmpunkte sprechen für sich. So gab es unter anderem eine „Zweistündige Bekämpfung des südafrikanischen Wüstendurstes“, eine „Spelunken-Lotterie: Jedes Los verliert“ und einen „Parademarsch durch den Spelunken-Park mit Böllerschüssen“.

Solche Einfälle waren offenbar fester Bestandteil der Gesellschaft. Die Spelunke pflegte ihren eigenen Humor und machte sich dabei nicht selten über die üblichen Formen gesellschaftlicher Feierlichkeiten lustig.

Der Spelunkenturm auf dem Bomberg

Der bekannteste bleibende Zeuge der Gesellschaft ist der Spelunkenturm. 1896 wurde der Aussichtsturm auf dem Bomberg errichtet. Die Einweihung fand am 2. September desselben Jahres statt, dem damaligen Sedantag.

Der Turm kostete rund 20.000 Mark und erreichte eine Höhe von 27 Metern. Wer die 139 Stufen bewältigte, konnte von oben weit über das Pyrmonter Land blicken. Bereits 1899 wurden mehr als 5.000 Besucher gezählt. Der Eintritt betrug damals zehn Pfennig.

Eine Besonderheit war die sogenannte Grundsteinlegung. Bei der Spelunke wurde daraus eine „Schlußsteinlegung“. Auch hier zeigte sich der Hang der Gesellschaft, vertraute Begriffe und Abläufe ein wenig auf den Kopf zu stellen.

1902 kam mit der „Theodor-Hütte“ ein Schutzhaus hinzu.

Der Turm war jedoch nicht nur ein Aussichtspunkt. Die Spelunke verwendete ihre Einnahmen und Spenden auch für andere Vorhaben. Unterstützt wurden unter anderem das Lortzing-Denkmal und verschiedene Einrichtungen in Pyrmont. Die Gesellschaft verstand sich somit nicht ausschließlich als gesellige Vereinigung, sondern engagierte sich auch für die Stadt.

Das Ende der Gesellschaft

Die Spelunke bestand über mehrere Jahrzehnte und überstand den Ersten Weltkrieg und die politischen Veränderungen der Weimarer Republik. In der Zeit des Nationalsozialismus änderten sich die Bedingungen grundlegend.

1933 endete die Geschichte der Gesellschaft. Ihre Auflösung und der weitere Umgang mit ihrem Besitz bedeuteten zugleich das Ende einer Vereinigung, deren Selbstverständnis kaum mit dem politischen und gesellschaftlichen Klima des Nationalsozialismus vereinbar war.

Der Spelunkenturm blieb erhalten. Von den Gegenständen, die sich im Besitz der Gesellschaft befanden, ist dagegen vieles verschwunden. Dazu gehörten zahlreiche Kuriositäten und Erinnerungsstücke, darunter ausgestopfte Tiere, die sogenannten Herero-Speere und das „Goldene Buch“ der Gesellschaft. Was davon wann und unter welchen Umständen verloren ging, lässt sich nicht in jedem Fall eindeutig feststellen.

Was von der Spelunke geblieben ist

Der Spelunkenturm erinnert noch heute an diese ungewöhnliche Seite der Pyrmonter Geschichte. In den 1970er Jahren wurde er saniert. Zum hundertjährigen Bestehen des Turmes erhielt er 1996 das Pyrmonter Ankerkreuz.

Die Geschichte der Spelunke erzählt dabei mehr als nur von einem Verein, der gern gefeiert hat. Sie zeigt eine besondere Form des geselligen Lebens im damaligen Pyrmont. Die Mitglieder kamen aus unterschiedlichen Bereichen, pflegten ihre eigenen Rituale und verbanden Geselligkeit mit Spenden und bürgerschaftlichem Engagement.

Vielleicht liegt gerade darin der bleibende Reiz der Spelunke: Die Mitglieder nahmen ihre Gesellschaft ernst, aber offenbar nicht immer sich selbst. Ihr Turm auf dem Bomberg ist davon bis heute das sichtbarste Zeugnis.

Titus Malms brachte diese Wertschätzung in seinem Schlusswort auf den Punkt:

„Wünschen wir uns diese wohltätigen, originellen Pyrmonter Spelunkenbrüder hoch leben zu lassen! Sie haben unsere Stadt so großzügig, so uneigennützig bedacht, dass wir uns noch immer ihrer Taten und ihres Turmes freuen dürfen.“

Quellen:

  • Festvortrag von Titus Malms (1996)
  • Original-Programme der Spelunkenfeste (1904–1908)
  • Ehren-Tafel der Spelunke (1921)
  • Stadtarchiv Bad Pyrmont

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Mitglieder der Spelunke (Ehrenhalunken, Präsidenten, aktive Mitglieder)

- Adalbert Brümmer (Fürstlicher Schauspieldirektor)
- Adalbert Matkowsky („Gigant im Reiche der Schauspielkunst“ des 19. Jahrhunderts)
- Albert Meyer
- Amtsgerichtsrat Dr. Fritz Breyhan (letzter Präsident)
- Amtsgerichtsrat Dr. Mommsen (Bad Pyrmont)
- Amtsgerichtsrat von Bardeleben
- Amtsrichter Hagemann
- Apotheker Storch
- Architekt Heinrich Mogk (Erbauer des letzten Spelunkenhauses in der Altenaustraße 4)
- Baron v. Münchhausen
- Bermann, Emil
- Bermann, Georg (Weinhändler, erstes Domizil der Spelunke)
- Bornemann
- Braust
- Bussemeyer
- Carl Dose (betrieb in Schieder den „Krug“, Holz- und Kolonialwarenhandel)
- Carl Sontag (Schauspieler, Hannover)
- Clasing
- Cordes
- Damköhler
- Dr. Carl Weitz
- Dr. Fritz Breyhan (Amtsgerichtsrat, letzter Präsident)
- Dr. Gruner
- Dr. Hartwig
- Dr. Lyncker
- Dr. Seebohm sen. und jun.
- Dr. Schücking (Leiter der Pyrmonter Aktivitäten auf der Chicagoer Weltausstellung)
- Dr. Weber
- Eduard Engel (Literaturhistoriker, Verfasser der *Deutschen Stilkunst*)
- Freiherr von Oldershausen, K.
- Freiherr von Hundelshausen (Kreisamtmann und Brunnendirektor)
- Friedrich Gösling (Ziegeleibesitzer, ehemaliger Präsident)
- Friedrich Leo
- Friedrich Schulze (Präsident nach Theodor Francke)
- Fritz Claus (Präsident, Oesdorfer Fabrikant, Entwurf für das Berliner Reichstagsgebäude)
- Fritz Leo
- Fritz Reiling
- G. Steinmeyer
- Graf Baudissin
- Georg Bermann
- Georg Weber (Bürgermeister von Oesdorf)
- Gösling, Friedrich (ehemaliger Präsident, Ziegeleibesitzer)
- Goecke
- H. Löwenherz (Lauenförde)
- H. Völkers
- Hölscher
- Hoffmann
- Holborn
- Ingenieur Ohnesorge (Bad Pyrmont)
- J. Pavenstedt (Rechtsanwalt in Bremen)
- Joseph Kainz („größter aller großen deutschen Schauspieler“)
- Justizrat Flucht (Elberfeld)
- Kanzleirat Tepel
- Königsmann
- Lentrodt
- Lyncker, Dr.
- Major v. Runkel (Hamburg)
- Menke, Sanitätsrat Dr.
- Müller
- Niemöller
- Ockel (Bürgermeister)
- Otto Paetel (Gründer, Schauspieler, Sohn eines Berliner Verlagsbuchhändlers)
- Pichler, August (Theaterdirektor)
- Pilgrim
- Presber, Rudolf (Schriftsteller)
- Prinz Bernhard zu Sachsen-Weimar
- Referendar Meyer
- Reiling
- Rieth
- Ritter
- Rabbiner L. Niemann
- Sanitätsrat Dr. Menke
- Scholing, Fr.
- Schörsche (Pyrmonter Original)
- Schücking, Dr.
- Schubert
- Severin, W.
- Sonnemann
- Storck
- Tobeck
- Theodor Francke („Theodor der Große“, Präsident, Hofschauspieler, Kabarettist)
- Vietmeyer (Amtsrichter)
- W. Krüger (Bad Pyrmont)
- W. Severin
- Wenderoth
- Weber, Dr.
- Wiedel
- Wollhausen
- Zimmermann (Lieferant für „Cochon Chien“)

Quelle: Festvortrag Titus Malms (1996), Ehren-Tafel der Spelunke, Inventarverzeichnis, Programme

Weitere erwähnte Persönlichkeiten (ohne direkte Mitgliedschaft)

- Claire Waldoff (Kabarettistin, trat im „Roland von Berlin“ auf)
- Herr Habenicht (Wetterprophet, 1896)
- Kaiser Wilhelm I. (Protektor der Deutschen Gesellschaft Schiffbrüchiger)
- Kaiser Wilhelm II. (Hofjagd in Springe)
- Lortzing, Albert (Komponist, in Pyrmont tätig)
- Peter Hille (Schriftsteller, zeitweise in Pyrmont wohnend)
- Rudolf Nelson („Piano-Napoleon“, Kabarettgröße)
- Rudolf Presber (Schriftsteller)

Künstler und Handwerker (mit Bezug zur Spelunke)

- Ahnert (Kasseler Künstler, Fresken in der Spelunke)
- Austermann (Ölgemälde in der Spelunke)
- Drechslermeister Ringe (Lauengasse 5, Schöpfer des Hutständers)
- Gustav Süß (Düsseldorfer Maler, Professor)
- H. C. Hempel (Düsseldorfer Maler, Professor)
- Joh. Leisten (Badearzt, Selbstporträt-Ölgemälde)
- Regierungsbaumeister Trautwein (Erbauer des Amtsgerichts und des Spelunkenhauses in der Brunnenstraße)

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