Wenn jemand eine Reise macht
Um 1900 sprachen noch viele Dorfbewohner Holzhausens (bei Pyrmont) Plattdeutsch. Hier eine kurze Erzählung über eine Tagesreise, die die Holzhäuserinnen Mariechentante und Lieschentante von Holzhausen nach Hameln und zurück unternahmen, um später in der Fabrik von ihren Erlebnissen in der weiten Welt berichten zu können. Die plattdeutsche Version wurde in den Pyrmonter Nachrichten am 5. Oktober 1974 veröffentlicht. Der hochdeutsche Text folgt zum besseren Verständnis.
Wenn jemand eine Reise maoket...

Als vör siebzig Jaohren ne Eesenbaohnfaohhrt noch ein Ereignis wass un dä meisten Luie. öt ühren Neste noch nich rötkumen wäören, wass dat Vertellen daonaoh noch ein interssantet Thema. Väör dä meisten Minschen – auk in Holtensen (Holzhausen) – wäören dat unbekannte Begriffe: Faoh rplaon, Biljetschalter, Baohnsteig oder Perron un Statsjonen. Un wär maol ne Reise maoket harre un ver elle daovon, dä ha jümmer viele Tauheier un galt als welt- erfaohrenen Minsche. Sao harren auk dä Reiseschilderer up ner Holtenschen Zigarrenfabreek upmerksaome Tauheier. Öt leip ja dao kein Motor un keine Mascheene, dat Wikkelmaoken un dat Inrullen der Zigarren maoket keinen Krach. Wenn dä Wickelmaokers twei oder drei Formen vull harren, dann keimen dä Formen unner dä Pressen, daomie e’ dä Zigarren dat richtige Fasson kriejen. Un dä Inruller, dä mit’n Zigarrenmesser dän komplizierten Deckerschnitt maoket, daomie’e dat Deckblatt auk schön an der Zigarren anlig un dä Zigarre keine falsche Lufttuit, gung olles uhne Lärm von statten. Un vertellt waord dän ganzen Dag, denn gung dä Teet au schneller rümme. Dän Kopp bröke sek bee der Arbeit keiner zerbräken; wer 1000 maol un noch mehr in ner Woche jümmer datselbe maoket, dä hät olles in’n Griffe.
Nu wäören up der Fabreek auk twei Schwestern. Se wäören nich mähr dä Jüngsten un dat Heiraoten harren se verpasset. Wee nennen se Mariechentante un Lieschentante. Nu wollen se up ühre aulen Daoge auk noch als moderne Minschen mie’e-reden. Nao langer Überlegung wollen se auk maol mit der Eesenhaohn fäuhern. Se güngen nao Naobers Frieda un leiten seck ne genaue Reisebeschreebung gieben. „Väör ollen Dingen mütet je pünktlich up’n Baohnhuwe seen, dä Zug töft nich, hei fäuhert pünktlih aff. An’n Biljetschalter mü ei je erst ein Biljet kaipen, süß kumt je nich dürch de Sperre. Dann steget je in dat Coupee, wu’ne Veier annesteiht. Denn hett öt auwer upgepasset, dat je nich täö wett fäuhert. An dän Statsjonen hänget jümmer ein grautet Schild, un wenn je dat Schild Haomeln seihet, denn mütet je ötsteegen.“
Als dä Dag kam, wäörn’se schon ganz freuh upstaohen. Se harren väör Upregung dä ganze Nacht nich schlaopen. Öt lag schon olles paraot, saubere Kleier, geputzte Schauhe un väör ollen Dingen dä graute Seelenwärmer (Umschlagtuch). Einen Mantel harren dä meisten Minschen daumaols nich. Auk dä Deckelkorf von Naobers Minchen stund bereit. Se güngen schon betee’n laus. Tauerst güngen so ganz langsaom, je näher se aober nao’n Baohnhuwe kaimen, je schneller güngen se, daomie’e se bloß nich den Zug verpassen. Et klappe aober olles, se kriegen nen schönen Sitzplatz, eine rechts un eine links an’n Fenster. „Jetzt mütet we aober uppassen“, seggt Mariechentante, „un nao dän Schillern keeken, dat we auk up der richtigen Statsjon ötsteeget.“

Nao ner Weele seggt Mariechentante: „Jetzt sind we schon in ,Leipnizkeks‘.“ Un up der annern Scete hät Lieschentante feststellt,dat se schon in „Continental-Reifen“ sind. „Gottegott“, seggt Mariechentante, „wenn dat man stimmet. Eck glaibe, we hät ösch verfäuhert.“
Aober öt gung olles glatt. Se stiegen in Haomeln öt un güngen mit dän vielen Minschen öt dän Baohnhuwe. Se können gaornich verstaohen, dat dä Minschen et olle söö eelig harren. Se blieben erst maol väörn Baohnhuwe s aohen un staunen uber dä grauten Huiser. Un denn erst dä grauten Schaufenster mit dän vielen schönen Saoken, mit dän Schauhen und Stieweln, un ein grautet Zigarrengeschäft mit ollen Sorten, dä man seck denken kann. „Keek, Mariechen, dat is doch dä Sorte, dä wee maoket.“ An ner Ecke was ein grautet Geschäft mit vielen schönen Kleiern, Strümpen un Wäsche, dat eine was noch schöner als dat annere. Jetzt kam noch ein Trupp Soldaoaten daoher. Vörneweg einer up’n Päre, dat moßte woll dä Hauptman seen. Dä Soldaoten harren olle ein Gewehr up der Schullern, un Museek harren se auk daobee. Jetzt kaimen se an at graute Waoter, up dän viele Scheppe un Kähne fäuh ern. Dä beiden konnen seck gaonich satt seihen. Ümme intekaipen wäören se ja nich nao Haomeln fäuhert. Aober dürch dat Viele un Schöne, wat se olles saihen harren, wören se doch ganz annere Minschen waoren. Mariechentante koffte seck ein kleinet Bild, dao stund ein Wandersmann uppe un dä schöne Spruch „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt.“ Lieschentante koffte seck ne Haomelner Ratte, dä woll se up ühr Lütjet Schapp stellen als Erinnerung an dän schönen Dag.
Als se wier in Holtensen ankumen wäören un harren seck von dän Strapazen erhaolt, dao wäören se doch stolz un glücklich, können se doch jetzt in der Fabreek auk ein Wörtchen mie’e-spräken.
Ob düese Faoh rt nön ü hre erste un gleek auk ühre lette wäsen is, eck weit et nich, aober eck glaibe dat woll.
Wenn jemand eine Reise macht… (aus dem Plattdeutschem übersetzt)
Als vor siebzig Jahren eine Eisenbahnfahrt noch ein Ereignis war und die meisten Leute aus ihren Dörfern noch nicht herausgekommen waren, war das Erzählen danach noch ein interessantes Thema. Für die meisten Menschen – auch in Holtensen (Holzhausen) – waren das unbekannte Begriffe: Fahrplan, Fahrkartenschalter, Bahnsteig oder Perron und Stationen. Und wer einmal eine Reise gemacht hatte und erzählte davon, der hatte immer viele Zuhörer und galt als welterfahrener Mensch. So hatten auch die Reiseschilderer auf die Holtenser Zigarrenfabrik aufmerksam viele Zuhörer. Es lief ja da kein Motor und keine Maschine, das Wickelmachen und das Einrollen der Zigarren machte keinen Krach. Wenn die Wickelmacher zwei oder drei Formen voll hatten, dann kamen die Formen unter die Pressen, damit die Zigarren die richtige Fasson kriegten. Und der Einroller, der mit dem Zigarrenmesser den komplizierten Deckelschnitt macht, damit das Deckblatt auch schön an der Zigarre anliegt und die Zigarre keine falsche Luft zieht, ging alles ohne Lärm vonstatten. Und erzählt wurde den ganzen Tag, dann ging die Zeit auch schneller herum. Den Kopf zerbrach sich bei der Arbeit keiner; wer 1000-mal und noch mehr in der Woche immer dasselbe macht, der hat alles im Griff.
Nun waren auf der Fabrik auch zwei Schwestern. Sie waren nicht mehr die Jüngsten und das Heiraten hatten sie verpasst. Wir nennen sie Mariechentante und Lieschentante. Nun wollten sie auf ihre alten Tage auch noch als moderne Menschen mitreden. Nach langer Überlegung wollten sie auch einmal mit der Eisenbahn fahren. Sie gingen zu Nachbars Frieda und ließen sich eine genaue Reisebeschreibung geben. „Vor allen Dingen müsst ihr pünktlich auf dem Bahnhof sein, dass der Zug nicht fort ist; er fährt pünktlich ab. Am Fahrkartenschalter müsst ihr erst eine Fahrkarte kaufen, sonst kommt ihr nicht durch die Sperre. Dann steigt ihr in das Abteil, wo eine Vier dransteht. Dann heißt es aber aufgepasst, dass ihr nicht zu weit fahrt. An den Stationen hängt immer ein graues Schild, und wenn ihr das Schild Hameln seht, dann müsst ihr aussteigen.“
Als der Tag kam, waren sie schon ganz früh aufgestanden. Sie hatten vor Aufregung die ganze Nacht nicht geschlafen. Es lag schon alles bereit: saubere Kleider, geputzte Schuhe und vor allen Dingen das graue Seelenwärmer-Umschlagtuch. Einen Mantel hatten die meisten Menschen damals nicht. Auch der Deckelkorb von Nachbars Minchen stand bereit. Sie gingen schon beizeiten los. Zuerst gingen sie ganz langsam, je näher sie aber nach dem Bahnhof kamen, desto schneller gingen sie, damit sie bloß nicht den Zug verpassten. Es klappte aber alles; sie kriegten einen schönen Sitzplatz, eine rechts und eine links am Fenster. „Jetzt müsst wir aber aufpassen“, sagt Mariechentante, „und nach den Schildern gucken, dass wir auch auf der richtigen Station aussteigen.“
Nach einer Weile sagt Mariechentante: „Jetzt sind wir schon in Leibnizkeks.“ Und auf der anderen Seite hat Lieschentante festgestellt, dass sie schon in Continental-Reifen sind. „Gottegott“, sagt Mariechentante, „wenn das man stimmt. Ich glaube, er hat uns verfahren.“
Aber es ging alles glatt. Sie stiegen in Hameln aus und gingen mit den vielen Menschen aus dem Bahnhof heraus. Sie konnten gar nicht verstehen, dass die Menschen es alle so eilig hatten. Sie blieben erst einmal vor dem Bahnhof stehen und staunten über die großen Häuser. Und dann erst die großen Schaufenster mit den vielen schönen Sachen, mit den Schuhen und Stiefeln, und ein großes Zigarrengeschäft mit allen Sorten, die man sich denken kann. „Guck, Mariechen, das ist doch die Sorte, die wir machen.“ An einer Ecke war ein graues Geschäft mit vielen schönen Kleidern, Strümpfen und Wäsche; das eine war noch schöner als das andere! Jetzt kam noch ein Trupp Soldaten daher. Vorneweg einer auf einem Pferd, das musste wohl der Hauptmann sein. Die Soldaten hatten alle ein Gewehr auf den Schultern, und Musik hatten sie auch dabei. Jetzt kamen sie an das große Wasser, auf dem viele Schiffe und Kähne fuhren. Die beiden konnten sich gar nicht sattsehen. Um einzukaufen, waren sie ja nicht nach Hameln gefahren. Aber durch das Viele an Schömem, was sie alles gesehen hatten, waren sie doch ganz andere Menschen geworden. Mariechentante kaufte sich ein kleines Bild, da stand ein Wandersmann drauf und der schöne Spruch: „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt.“ Lieschentante kaufte sich eine Hamelner Ratte, die wollte sie auf ihr kleines Schränkchen stellen als Erinnerung an den schönen Tag.
Als sie wieder in Holtensen ankamen und sich von den Strapazen erholt hatten, da waren sie doch stolz und glücklich; konnten sie doch jetzt in der Fabrik auch ein Wörtchen mitreden.
Ob diese Fahrt nun ihre erste und gleich auch ihre letzte gewesen ist, das weiß ich nicht, aber ich glaube das wohl.
(Gez. hu)
Abgewandelte Quelle: Pyrmonter Nachrichten vom 05.10.1974