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Die Gesellschaft Spelunke wurde 1872 als lockere Frühstücksgesellschaft von Schauspielern, Künstlern und Honoratioren gegründet. Der Name „Spelunke“ (abgeleitet vom lateinischen „spelunca“ = Höhle) wirft bis heute Fragen auf: Warum trägt ein Aussichtsturm, der auf dem Bomberg (320 m über NN) steht, einen Namen, der eigentlich eine zwielichtige Kneipe bezeichnet? Die Antwort liegt in der ironischen Selbstinszenierung der Gesellschaft: Sie nutzte den provokanten Namen, um ihre heiter-rebellische Haltung gegen Spießbürgertum und Konventionen zu unterstreichen.
Die Gesellschaft: Wer waren die „Halunken“?
Die Spelunke war ein exklusiver Männerbund, der sich aus Pyrmonter Honoratioren, Künstlern, Schriftstellern, Juristen, Ärzten und Kurgästen zusammensetzte. Zu den prominenten Mitgliedern zählten:
Theodor Francke („Theodor der Große“), Hofschauspieler und Kabarettist, der als Präsident die Gesellschaft prägte.
Otto Paetel, Gründer und Schauspieler.
Adalbert Matkowsky und Joseph Kainz, berühmte Schauspieler des 19. Jahrhunderts.
Eduard Engel, Literaturhistoriker.
Bürgermeister, Brunnendirektoren, Richter und sogar Prinz Bernhard zu Sachsen-Weimar oder Graf Baudissin.
Die Aufnahme neuer Mitglieder war ein ritualisiertes, humorvolles Spektakel:
Der Kandidat musste versichern, „in freundlicher Absicht“ zu kommen.
Ein Fallgatter (symbolische Barriere) wurde gehoben, und der Neuling betrat den Raum unter dem Jubel der „Halunken“.
Es folgte eine Eideszeremonie mit absurden Versprechungen, begleitet von einer Reiterpistole, die auf den Neuling gerichtet wurde – bis dieser bereit war, eine „lebenslängliche Mitgliedschaft“ durch die Zahlung eines Goldstücks zu erwerben.
Besonders beliebt: Der Weihekuss des Präsidenten auf die Stirn von Damen (an „Damentagen“).
Das Leben in der Spelunke: Rituale und Allotria
Die Gesellschaft traf sich täglich von 12 bis 14 Uhr in ihren Räumlichkeiten (zuerst im Keller der Weinhandlung Meyer, später in der Brunnenstraße). Die Sitzungen waren geprägt von: Scherzen, Wortwitzen und improvisierten Gedichten (oft von Theodor Francke). Gemeinsamen Mahlzeiten mit exotischen oder humorvoll benannten „Leibgerichten“ (z. B. „Dumpernickel, Ochsenmaulsalat, Herero-Speere, Gänseleberpastete“). Spendenaktionen: Die Einnahmen flossen zunächst an die Deutsche Gesellschaft Schiffbrüchiger, später in Pyrmonter Projekte wie den Spelunkenturm, das Lortzing-Denkmal oder soziale Einrichtungen. Programme mit absurdem Humor: Die Feste der Spelunke waren legendär. Beispiele aus den Original-Programmen (1904–1908):„Ein- und Abholung der Festgäste im geschlossenen Möbelwagen“ „Zweistündige Bekämpfung des südafrikanischen Wüstendurstes“ „Spelunken-Lotterie: Jedes Los verliert“ „Parademarsch durch den Spelunken-Park mit Böllerschüssen“ „Verlesung der eingegangenen Drahtsendungen – Ratenweises Verlesen größerer Festgedichte“
Der Spelunkenturm: Ein Denkmal mit Witz
1896 beschloss die Spelunke, einen Aussichtsturm auf dem Bomberg zu bauen – als ironische Gegenbewegung zu den damals entstehenden nationalen Denkmälern (z. B. Kyffhäuserdenkmal, Porta Westfalica). Während andere Städte Bismarcktürme oder Kriegerdenkmäler errichteten, setzte Pyrmont auf Humor und Gemeinschaftssinn: Der Turm wurde am 2. September 1896 eingeweiht – bewusst am Sedantag (Jahrestag der Schlacht von Sedan 1870/71), um die patriotische Stimmung mit einer heiteren Feier zu kontrastieren. Die „Grundsteinlegung“ war in Wahrheit eine Schlußsteinlegung – typisch für die Spelunke, die Dinge gern „auf den Kopf stellte“. Der Turm kostete 20.000 Mark, war 27 Meter hoch und bot einen Weitblick bis zum Teutoburger Wald und zur Porta Westfalica. 1899 besuchten bereits über 5.000 Personen den Turm (Eintritt: 10 Pfennig). 1902 wurde die „Theodor-Hütte“ als Schutzhaus eingeweiht.
Das Ende der Spelunke: Zwangsauflösung im Nationalsozialismus
Die Spelunke überstand Kriege und Krisen, doch im Dritten Reich wurde sie als „unzeitgemäß und überholt“ diffamiert: Die Gestapo führte ein Verzeichnis der Mitglieder als „Feinde des Nationalsozialismus“. 1933 musste die Gesellschaft ihre Selbstauflösung beschließen. Die Liquidatoren (u. a. Architekt Mogk und Regierungsrat Becker) übergaben den Turm der Stadt. Viele Kunstschätze und Kuriositäten (z. B. Herero-Speere, ausgestopfte Tiere, das „Goldene Buch“) gingen verloren – teilweise durch Plünderungen, teilweise durch Entrümpelungsmaßnahmen oder die amerikanische Besatzung nach 1945.
Das Erbe: Ein Turm und ein Stück Pyrmonter Identität
Trotz der Auflösung lebt der Geist der Spelunke weiter: Der Spelunkenturm wurde in den 1970er Jahren saniert und ist heute ein beliebtes Wanderziel. 1996, zum 100-jährigen Jubiläum, wurde der Turm mit dem Pyrmonter Ankerkreuz bekrönt. Die Spelunke steht für Pyrmonter Lebensfreude, Gemeinsinn und selbstironischen Humor – Werte, die Titus Malms in seinem Vortrag als „wahre Weitsicht“ der Gesellschaft würdigt. Fazit: Warum die Spelunke wichtig war Die Spelunke war mehr als eine Trinkgesellschaft: Sie war eine „Sommerakademie des Lachens“ – ein Ort, an dem Humor, Kreativität und Gemeinschaft im Mittelpunkt standen. Sie prägte das Pyrmonter Kurleben und trug durch Spenden zur Verschönerung der Stadt bei. Sie bewies, dass Heimatverbundenheit auch mit Witz und Leichtigkeit gelebt werden kann.
Malms‘ Schlussappell:
„Wünschen wir uns diese wohltätigen, originellen Pyrmonter Spelunkenbrüder hoch leben zu lassen! Sie haben unsere Stadt so großzügig, so uneigennützig bedacht, dass wir uns noch immer ihrer Taten und ihres Turmes freuen dürfen.“
Quellen:
Festvortrag von Titus Malms (1996) Original-Programme der Spelunkenfeste (1904–1908) Ehren-Tafel der Spelunke (1921) Stadtarchiv Bad Pyrmont
Extrakt aus dem Festvortrag 100 Jahre Spelunkenturm, Titus Malms, 1996
Mitglieder der Spelunke (Ehrenhalunken, Präsidenten, aktive Mitglieder)
- Adalbert Brümmer (Fürstlicher Schauspieldirektor)
- Adalbert Matkowsky („Gigant im Reiche der Schauspielkunst“ des 19. Jahrhunderts)
- Albert Meyer
- Amtsgerichtsrat Dr. Fritz Breyhan (letzter Präsident)
- Amtsgerichtsrat Dr. Mommsen (Bad Pyrmont)
- Amtsgerichtsrat von Bardeleben
- Amtsrichter Hagemann
- Apotheker Storch
- Architekt Heinrich Mogk (Erbauer des letzten Spelunkenhauses in der Altenaustraße 4)
- Baron v. Münchhausen
- Bermann, Emil
- Bermann, Georg (Weinhändler, erstes Domizil der Spelunke)
- Bornemann
- Braust
- Bussemeyer
- Carl Dose (betrieb in Schieder den „Krug“, Holz- und Kolonialwarenhandel)
- Carl Sontag (Schauspieler, Hannover)
- Clasing
- Cordes
- Damköhler
- Dr. Carl Weitz
- Dr. Fritz Breyhan (Amtsgerichtsrat, letzter Präsident)
- Dr. Gruner
- Dr. Hartwig
- Dr. Lyncker
- Dr. Seebohm sen. und jun.
- Dr. Schücking (Leiter der Pyrmonter Aktivitäten auf der Chicagoer Weltausstellung)
- Dr. Weber
- Eduard Engel (Literaturhistoriker, Verfasser der *Deutschen Stilkunst*)
- Freiherr von Oldershausen, K.
- Freiherr von Hundelshausen (Kreisamtmann und Brunnendirektor)
- Friedrich Gösling (Ziegeleibesitzer, ehemaliger Präsident)
- Friedrich Leo
- Friedrich Schulze (Präsident nach Theodor Francke)
- Fritz Claus (Präsident, Oesdorfer Fabrikant, Entwurf für das Berliner Reichstagsgebäude)
- Fritz Leo
- Fritz Reiling
- G. Steinmeyer
- Graf Baudissin
- Georg Bermann
- Georg Weber (Bürgermeister von Oesdorf)
- Gösling, Friedrich (ehemaliger Präsident, Ziegeleibesitzer)
- Goecke
- H. Löwenherz (Lauenförde)
- H. Völkers
- Hölscher
- Hoffmann
- Holborn
- Ingenieur Ohnesorge (Bad Pyrmont)
- J. Pavenstedt (Rechtsanwalt in Bremen)
- Joseph Kainz („größter aller großen deutschen Schauspieler“)
- Justizrat Flucht (Elberfeld)
- Kanzleirat Tepel
- Königsmann
- Lentrodt
- Lyncker, Dr.
- Major v. Runkel (Hamburg)
- Menke, Sanitätsrat Dr.
- Müller
- Niemöller
- Ockel (Bürgermeister)
- Otto Paetel (Gründer, Schauspieler, Sohn eines Berliner Verlagsbuchhändlers)
- Pichler, August (Theaterdirektor)
- Pilgrim
- Presber, Rudolf (Schriftsteller)
- Prinz Bernhard zu Sachsen-Weimar
- Referendar Meyer
- Reiling
- Rieth
- Ritter
- Rabbiner L. Niemann
- Sanitätsrat Dr. Menke
- Scholing, Fr.
- Schörsche (Pyrmonter Original)
- Schücking, Dr.
- Schubert
- Severin, W.
- Sonnemann
- Storck
- Tobeck
- Theodor Francke („Theodor der Große“, Präsident, Hofschauspieler, Kabarettist)
- Vietmeyer (Amtsrichter)
- W. Krüger (Bad Pyrmont)
- W. Severin
- Wenderoth
- Weber, Dr.
- Wiedel
- Wollhausen
- Zimmermann (Lieferant für „Cochon Chien“)
Quelle: Festvortrag Titus Malms (1996), Ehren-Tafel der Spelunke, Inventarverzeichnis, Programme
Weitere erwähnte Persönlichkeiten (ohne direkte Mitgliedschaft)
- Claire Waldoff (Kabarettistin, trat im „Roland von Berlin“ auf)
- Herr Habenicht (Wetterprophet, 1896)
- Kaiser Wilhelm I. (Protektor der Deutschen Gesellschaft Schiffbrüchiger)
- Kaiser Wilhelm II. (Hofjagd in Springe)
- Lortzing, Albert (Komponist, in Pyrmont tätig)
- Peter Hille (Schriftsteller, zeitweise in Pyrmont wohnend)
- Rudolf Nelson („Piano-Napoleon“, Kabarettgröße)
- Rudolf Presber (Schriftsteller)
Künstler und Handwerker (mit Bezug zur Spelunke)
- Ahnert (Kasseler Künstler, Fresken in der Spelunke)
- Austermann (Ölgemälde in der Spelunke)
- Drechslermeister Ringe (Lauengasse 5, Schöpfer des Hutständers)
- Gustav Süß (Düsseldorfer Maler, Professor)
- H. C. Hempel (Düsseldorfer Maler, Professor)
- Joh. Leisten (Badearzt, Selbstporträt-Ölgemälde)
- Regierungsbaumeister Trautwein (Erbauer des Amtsgerichts und des Spelunkenhauses in der Brunnenstraße)
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