Pyrmont: Der Mann, der in Pyrmont Rasputin oder Rübezahl genannt wurde
Im digitalen Museumsarchiv stieß ich auf ein Foto, das eine Geschichte erzählt. Es zeigt einen Mann mit langem Bart, der stolz einen verzweigten Holzstamm präsentiert.




Zur Person: Wer die Zeit vor den 1990er Jahren in Pyrmont bewusst erlebt hat, erinnert sich sicherlich an ihn: den Mann mit dem langen grauen Bart, der stets dunkel gekleidet durch die Stadt ging; zunächst mit seinem Fahrrad, später meist ohne. Ursprünglich stammte er aus dem Riesengebirge und war nach seiner Kriegsgefangenschaft nach Pyrmont gekommen. Er hieß natürlich weder Rasputin noch Rübezahl, sondern Erich Kentsch, der sich selbst den Künstlername Knetsch gab.
Erich Kentsch/Knetsch (*1906 in Siegerdorf, Schlesien, †1991 in Hameln) bezeichnete sich selbst als Kunstwart, Heimatforscher, Forscher nach alten Überlieferungen, als der er in den 1950er Jahren gelegentlich auch Heimatnachrichten in den Pyrmonter Nachrichten verfasste. Nach dem Ersten Weltkrieg absolvierte er ein Ausbildung als Gärtner und wurde schon früh zum Vegetarier. 1948 kam er nach Pyrmont. Im Adressbuch von 1949 gab Erich M. Kentsch, der damals in der Parkstraße 8 wohnte, seine Berufsbezeichnung mit "Kunsthistoriker, Ehem. Direktor v. Prof. Schleich-Archiv, Berlin, Kunstgewerbe" an. Später zog er in die Grießemer Straße 37, also schräg gegenüber dem heutigen Penny in Holzhausen, um. Erich Kentsch galt als schüchterner und zurückhaltender Mensch, der nur dann laut wurde, wenn man ihn mit seinem Spitznamen ansprach. Seine ganze Leidenschaft galt der Geschichte Pyrmonts, der er sich seit seinem Zuzug mit großer Hingabe widmete. In seiner Wohnung trug er im Laufe der Jahre eine beeindruckende, archivähnliche Sammlung der Pyrmonter Nachrichten zusammen, die er als Wissensbasis nutzte. Er führte in Pyrmont gerne durch die Wandelhalle und erklärte den Besuchern die Friese an der Decke, die 1924 von Prof. Hans W. Schmidt gemalt wurden und die heute im Pyrmonter Schloss lagern.
Die Spelunkenbewegung: An dieser Stelle sei mir eine Abschweifung zum besseren Verständnis zur Spelunkenbewegung erlaubt: Die Spelunkenbewegung war eine 1872 in Bad Pyrmont gegründete humorvolle Männergesellschaft, die sich als Stammtisch mit karitativem Anspruch verstand. Ihre Mitglieder, Honoratioren, Künstler und Kurgäste, – trafen sich, um mit Witz, Ritualen und Spendenaktionen das Pyrmonter Leben zu bereichern. Der Bau des von Friedrich Gössling entworfenen Spelunkenturms (1896), der als heiteres Gegenstück zu den zeitgenössischen Nationaldenkmälern stand, war auch als Renditeobjekt gedacht.Der Aufstieg kostete damals 10 Pfennig. 1902 spendete der damalige Präsident Theodor Francke die Theodor-Hütte als Schutzhütte für Besucher, in der auch Reiseandenken angeboten wurden. Die Spelunke förderte soziale Projekte, bis sie 1933 von den Nazis verboten wurde und der Spelunkenturm in den Besitz der Stadt Bad Pyrmont überging. Die meist skurilen Gegenstände der Spelunke wurden bei der erzwungenden Auflösung vom Amtsgerichtsrat Dr. Fritz Breyhan, dem letzten Präsidenten der Spelunke, auf dem Boden des Amtsgerichts (heute Stadtbücherei) deponiert.
Der Hutständer der Spelunke: 1957 fand Erich Kentsch den Hutständer auf dem Boden des Amtsgerichts. Er enthält künstlerische Karikaturen von Tier- und Mitgliederköpfen. Dieser bizarre Hutständer stammt wahrscheinlich von Drechslermeister Ringe (Lauengasse 5) und ist aus Eichenholz geschnitzt. Dr. Breyhan hatte ihn für eine von Kentsch geplante Gössling-Ausstellung zur Verfügung gestellt. Heute wird er im Museum im Schloss Bad Pyrmont aufbewahrt.
Erich Kentsch/Knetsch verstarb am 21.02.1991 in einem Hamelner Altenheim, nur Stunden nach seiner Aufnahme.
Die Bilder dieses Beitrags stammen bis auf eines aus den digitalen Archiven vom Museum und der Dewezet und wurden von mir mit mehr Kontrast versehen. Das Foto mit Erich Kentsch/Knetsch auf dem Rummelplatz stammt von Heinrich Mehring, das er in den 1960er Jahren aufnahm.
Weiterführende Links: Die Festtagsansprache "100 Jahre Spelunkenturm" von Titus Malms ( https://pyrmontwiki.de/Datei:100-Jahre-Spelunkenturm.pdf ) wie auch eine Zusammenstellung meiner Recherchen aus dem Dewezet/PN-Archiv als PDF ( https://pyrmontwiki.de/Datei:Recherche-Kentsch_OCR.pdf )